Pures Erleben

Aus einer Reifenpanne wurden 300 Kilometer offroad. Durch hohes Gras. Über Schotter und Lehm. Mit Blick aufs Meer. Fast grenzenlos in Italien und Slowenien. Bei Nacht und Mondschein. Sowie bei Sonne und Regen. 24 Stunden stramme Wadeln genossen beim Carso Trail 5500 Höhenmeter. Schlaflos. Natürlich.

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Aller Anfang war also eine Reifenpanne. Dabei war es nicht einmal mein Reifen. Ich war auch nicht dabei als Hoko in einem Fahrradgeschäft in Triest einen Schlauch kaufte. Dort musste aber ein Gespräch zwischen dem Verkäufer und dem HoKo stattgefunden haben. Weil als der Hoko mit repariertem Reifen den Radshop verließ, wusste er, wo er am 11. Mai 2018 mit dabei sein wird. Und dann dachte der Hoko wahrscheinlich an unsere gemeinsame Teilnahme beim Venetotrail. Die geteilte Begeisterung für Langstrecken-Abenteuer über Stock und Stein sowie Wald und Wiese fiel ihm ein. Die Information erreichte mich und schon war ich angemeldet beim No Border Bikepacking Adventure.

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Als dann die Banane gut fixiert war, ich die Wasserflaschen gefüllt hatte und es nicht mehr erwarten konnte – dann war es soweit. Für den Start in Monfalcone. Am Meer. Zwischen vielen anderen verrückten, mutigen und abenteuerlustigen Bikern stellte ich mir die Fragen: Werde ich einem Bären begegnen? Wird er mich fressen wollen? Folgende Fragen hätte ich mir besser stellen sollen: Habe ich genug zu essen mit? Wo bekomme ich in der Nacht im Wald einen heißen Kaffee?

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Noch bevor mir meine bärigen Gedanken ängstliche Gänsehaut verursachen konnten spürte ich staubigen Fahrtwind um meine Nase wehen. Rund um mich wollte man zeigen wie motiviert man war. Wie schnell so ein teures, stylisches Langstrecken-MTB doch war. Wie schnell doch viele an dem hohen Gras, dem lehmigen Untergrund und den nicht gut befestigten Taschen scheiterten, das war dann zu beobachten.

Also erstmal etwas gemütlicher. Da war dann mehr Zeit die alten Mauern und Kirchtürme zu bestaunen, die immer wieder zwischen den Feldern und Wiesen auftauchten. Und natürlich die Felder und Wiesen selbst. Ja die Blumen. Das Vogelgezwitscher. Ok. So romantisch wars dann auch wieder nicht. Nicht zu vergessen auf den Untetetetetergrund. Da hatte man alle Hände voll zu tun, bzw. fest und sicher am Lenker.

Und dann habe ich einige Fotos gemacht, um nicht immer so viel schreiben zu müssen. Nun denn, beim Betrachten der Bilder anfangs Meeresrauschen vorstellen, um es dann gegen das Rauschen der Bäume auszutauschen. Und dann vielleicht noch andere, zum jeweiligen Bild passende Geräusche.

Dann kam die Nacht. Es wurde kühler. Der Schlaf hatte Probleme mit meiner nächtlichen Radfahrerei und drückte mit großer Beharrlichkeit stetig meine Augenlider nach unten. Wach hielt mich der Hunger, der auch nicht weniger werden wollte. Unterkühlt, hungrig und müde – so lernt man sich selbst kennen. Und macht das, weil das Radfahren einfach wunderbar ist. Freude bereitet. Das muss nicht verstanden werden. Kann eigentlich nicht. Das sollte selbst erfahren werden.

Im Soca-Tal war es dann soweit. Ich schlief ein. Am Rad. Fahrend. Eher ungünstig. Zum Glück war da eine Felswand die mich unsanft weckte. Sofort war ich wieder ganz munter. Mit kleinen Abschürfungen, aber munter. Zudem ziemlich hungrig mit dem sehnlichsten Wunsch nach einem heißen Kaffee. Leider war rechts von mir nur eine Felswand und links die rauschende Soca. Nun muss nicht erklärt werden, warum in Folge eine Tankstelle mich nicht nur glücklich machte sondern all meine Bedürfnisse zu stillen vermochte.

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Einen Kaffee und drei Schokoladecroissants später wärmte mich ein fantastischer Sonnenaufgang. Schon waren sie wieder zurück, die Energie, die Motivation, nur die Freude nicht, denn die war nie weg.

Ein paar gemeine Dornen, bezaubernde Weinberge, unerwartete Sümpfe, Karst, noch mehr hohes Gras, Kriegerdenkmäler und dann durfte ich endlich einen morgendlichen, kalten Schluck Bier im Ziel zurück in Monfalcone genießen.

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Oh ja, das war wieder einmal richtig geil. Ich will mehr davon. Weil es mich glücklich macht. Weil es mehr als leben ist. Erleben. Es belebt! Hoch lebe der Carso Trail. Danke!

 

2 Gedanken zu “Pures Erleben

    1. Sehr aufmerksam gelesen/geschaut. Echtes Bikepacking funktioniert nur mit Taschen am Rad. Drinnen war aber bestimmt kein Polster / keine warme Jacke / kein heißer Kaffee.
      Freude am Bikepacking in jedem Fall!

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