Ich schaffe das.

Angeblich wohnt in einer Höhle nördlich von Graz ein Drache. In sicherem Abstand zur Höhle verläuft eine offiziell ausgeschilderte MTB-Strecke: Die Drachentour. Diese führt vom Murtal über die Tyrnaueralm zur Teichalm. Seit Monaten schon will ich die Strecke mit dem Mountainbike befahren. Doch es fehlte bisher an der nötigen Zeit und ehrlich gesprochen auch an Mut – wie gesagt, angeblich wohnt dort ein Drache.

Eisige Temperaturen bestimmen diese Tage, der Wind fegt orkanartig über die Berge und alles ist total vereist. Hoffentlich ein Wetter, bei dem es in der Höhle gemütlicher ist und man sie daher nicht begegnet, die Ungeheuer. Da die Bedingungen also perfekt (!) waren, saß ich schon im Sattel, fühlte mich ein wenig wie Siegfried und verließ Graz über den Murradweg in Richtung Mixnitz.

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Ich freute mich einmal mehr über mein Fahrrad, das sich ja, wie hier erläutert, als ein Michwesen aus Rennrad und MTB beschreiben lässt. Denn der Weg bis zum Offroad-Abenteuer war onroad. Und so war der Fahrspaß schon die ersten 30 asphaltierten Kilometer mit dabei. (Ich finde es befremdlich mit dem Auto zu fahren, um dann zu biken.)

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So erreichte ich sehr schnell jene Abzweigung, bei der sich nicht nur die Straßenbeschaffenheit änderte, sondern auch die Steigung. Schnaufend, mitten im Wald auf einer breiten Forststraße pedalierte ich steil bergauf und genoss das Rauschen des Windes in den Bäumen.

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Ich liebe diese Einsamkeit. Vor allem wenn sie nicht durch das Auftauchen eines Drachen gestört wird. Wurde sie auch nicht. Verstärkt hat sie der Sturm und die klirrende Kälte und das Eis. Ja das Eis.

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Wie fantastisch! Was für Gebilde! Ständig verführten mich zu Kunstwerken erstarrte Bäche, Wasserfälle und Quellen anzuhalten und einfach zu staunen. Ich fühlte mich wie in einem natürlichen Eismuseum. Da wird man fast dankbar über die frostigen Temperaturen, auch wenn diese schon seit geraumer Zeit Finger und Zehen zu schmerzhaften Klumpen verwandelt haben.

Nach einigen weiteren Höhenmetern wurde ich von jenem Satz eines Forstarbeiters aus meiner Einsamkeit gerissen, der den weiteren Verlauf meines Winterabenteuers beeinflussen sollte: „Da kommst heut sowieso net hinauf!“

Häää? Warum? Wegen dem bisschen Eis und Schnee? Wegen dem orkanartigen Wind? Gar der Drache? Dachte ich mir und fuhr freundlich grüßend, ohne jedoch nach dem Grund seiner Feststellung zu fragen, an dem frierenden Arbeiter entschlossen vorbei. So schnell drehe ich nicht um. Lasse ich mich nicht von Schnee, Eis, Wind und Kälte einschüchtern.

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Nach weiteren mühsamen, extrem rutschigen Höhenmetern wusste ich, warum ich heute nicht hinauf fahren konnte. Da wurde gearbeitet: BAUM FÄÄÄLLT! Aber mir bitte nicht auf meinen Kopf. Also umdrehen. Nein. Weil an jenem besagten Forstarbeiter noch einmal vorbei fahren zu müssen und einen Satz zu hören, wie: „Hab ich es doch gesagt!“, dafür war ich an diesem Tag zu stolz. Ich komme da hinauf. Ich schaffe das.

Auf alternativen Wegen. Dann muss ein anderer Forstweg ausprobiert werden. Und wie es sein sollte, war da einer. Unmöglich zu befahren, weil einfach zu viel Schnee, aber schiebend ging es langsam voran. Wenngleich auch in die andere Richtung. Das war dann schon eher bedenklich. Aber auch nur bis ein steiler Wanderweg den Forstweg kreuzte und ein vereistes Schild bergauf die Tyrnaueralm ankündigte. Na bitte. Perfekt.

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So kam ich nach einer guten Stunde das Rad geschultert, mit den Radschuhen stolpernd, ein stolzes Lächeln auf den Lippen und durchgefroren auf der Alm an. Es stürmte unheimlich und so schob, stürzte und rollte ich langsam wieder auf der anderen Seite in Richtung Teichalm hinunter.

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Dort wurde es empfindlich kälter. Stürmischer. Und dunkler. Nun musste ich mich entscheiden. Entweder setze ich meine Tour, wie ursprünglich geplant fort, daher quer durch den steilen Wald zu einer Quelle oder ich fahre (ganz) bequem die breite Straße zurück ins Tal. Die Vernunft siegte, das heißt bei mir, das Abenteuer und die Herausforderung und schon ging es steil durch den nächtlichen Wald zu jener Stelle, an der die Raab entspringt.

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Ein kleiner Fluss der quer durch die Steiermark fließt und in Ungarn nach 250 Kilometern in die Donau mündet. Besondere Bedeutung erlangt das Gewässer, da ein netter Radweg entlang des Flusses verläuft. Zudem einer, der von mir sehr oft und zugleich sehr gerne befahren wird. Immer wieder hatte ich den Gedanken einmal mit dem Rad direkt von der Quelle aus zu starten. Nur, um später einmal den Anspruch zu erheben, den kompletten Raabtalradweg gehfahren zu sein. Das dafür in einer saukalten Winternacht der richtige Zeitpunkt war, habe ich mir nicht unbedingt gedacht.

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Dann aber, zurück in der Zivilisation, wollte ich nach Hause. Das Wasser in den Trinkflaschen war eingefroren und die Zehen waren das zum Glück noch nicht ganz. So änderte ich meine Pläne und zog den geteerten und schnelleren Heimweg dem anderen, der noch über so manchen Berg, durch dichten Wald und über Stock und Stein geführt hätte vor.

Was bleibt nach so einer Ausfahrt? Rote Backen, wahres Glück, die Tatsache, noch immer keine Drachen gesehen zu haben, natürliche, tiefe Dankbarkeit und „ich schaffe das“.

6 Gedanken zu “Ich schaffe das.

  1. Ahoi David,
    hat Spaß gemacht zu lesen und dich auf deiner Tour zu begleiten. Man sollte immer den eigenen Weg gehen, auch wenn gut gemeinte „Ratschläge“ hilfreich sein können, aber die Tragepassage hatte ja auch was vom Alpencross, was ja nicht von Nachteil sein muß – steirischer Alpencross quasi ;- >
    Freue mich darauf mehr davon zu lesen…

    Grüße aus Thüringen,
    Matthias

    Gefällt 1 Person

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