Venetotrail

Warum nicht? Ein neues Rad-Abenteuer wagen. Das so unmöglich wie wunderbar schön zugleich klingt: 600 Kilometer lang mit über 10 000 Höhenmetern. Das Ganze wird mit „Unsupported Bike Adventure“ beworben und nennt sich Venetotrail. Die Herausforderung liegt in diesem Fall nicht auf der Straße sondern geht über Stock und Stein. Über Berg und Tal. Quer durch Venetien. Vom Meer über die Dolomiten und wieder zurück. Das klingt nicht nur fahrenswert, das war es auch!!!

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Zunächst einmal Vorhang auf für das eigens für dieses Vorhaben zusammengestellte Fahrrad. Hier trifft Funktion auf Ästhetik. Erstere hat sich voll und ganz bestätigt. Zweitere liegt im Auge des Betrachters und es gab viele mir sehr ähnliche Augen. Hier will ich jedoch nicht primär über das einzigartig, perfekte Fahrrad schreiben, das muss zwar auch unbedingt einmal geschehen, wird es auch demnächst, an anderer Stelle. Nur noch soviel: Inspirieren ließ ich mich von den Bikes bei der Tour Divide.

Nun zurück an den Start nach San Martino di Lupari. Die Uhr zeigte 23:30 und in dem kleinen Ort nordwestlich von Venedig bewegte sich eine aufgeregte Masse von etwa 150 Langstrecken-Mountainbikern, oder solchen die es werden wollten, in die heiße Nacht. Aufgewirbelter Staub der Schotterstraßen klebte bald auf den Lippen und gab den ersten Vorgeschmack auf die bevorstehende Strecke.

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Und dann das. Guten Morgen. Die Sonne ging auf. Aber wie. Mittlerweile rollte ich ganz alleine durch die Ebene. Der Untergrund war erstaunlich abwechslungsreich. Gras, Schotter, Lehm und ganz wenig Asphalt erfreuten die breiten Reifen. So viel Offroad schon in den ersten Stunden hätte ich nie erwartet. Oder für möglich gehalten.

Erst einmal einen Kaffee. Einen italienischen Kaffee. Der schmeckt einfach fantastisch. Keine Einbildung, wahrer Geschmack! Das morgendliche Licht zeigte mein Rad in einem neuen Staubkleid. Sieht gleich ein bisschen wilder aus. Gut so. Wird es auch noch. Aber zunächst einmal richtig heiß.

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Und dann wären da noch die ewig langen und geraden Straßen. Das Ende verschluckt der Horizont und scheint es nicht mehr hergeben zu wollen. Unten Schotter, weil MTB-Bewerb und oben die Sonne. Und die heizt ganz schön ein.

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Das kam den Urlaubern am Strand von Jesolo gerade recht. Den Teilnehmern vom Venetotrail auch. Denn kurz durfte man sich auf der Uferpromenade als ein solcher fühlen. Doch schon saß ich wieder im Sattel und pedalierte in Richtung der vielen noch ausständigen Höhenmeter.

Endlich, nach ca. 200 ganz flachen Kilometern ging es bergauf. Nun versteckte sich der Horizont hinter den ersten kleineren Hügeln. Darauf und dazwischen schönste Landschaft gepaart mit altem Gemäuer. Überall wahnsinns Hitze. Und ich glücklich und staunend auf dem Fahrrad!

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Da bringt ein überfluteter Weg die richtige Abkühlung. Mein verzweifelter Blick geht auf die Entscheidung zurück, die Schuhe nicht aus zu ziehen. Obwohl, jetzt fühlte es sich in den Schuhen auch nach richtigem Offroad-Abenteuer an. Von Kopf bis Fuß spürte ich die Herausforderungen weit weg vom geteerten Untergrund.

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Wasser gibt es zum Glück nicht nur auf überfluteten Wegen. Ich weiß nun, Brunnen findet man in Venetien viele. Daher sind die Wasserflaschen auch immer gut gefüllt. Und der Kopf manchmal auch ganz cool. Durst darf an solchen Tagen nur ein Wort im Duden bleiben. Solange man auch mancherorts die Schilder mit „non portable“ übersieht.

Die Strecke bleibt unglaublich. Weil einerseits extrem bezaubernde Landschaft und andererseits so richtig offroad. Stauseen, Tunnels, Schotter, Brücken, kleine Dörfer, schmale Wege und ich zufrieden auf meinem Bike.

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Zwischendurch ein leckerer italienischer Cappuccino. Ob man im richtigen Cafe sitzt, kann man ganz einfach an den kleinen Dingen erkennen. Nun, der Kellner zweifelte an meinen Erzählungen um mein Vorhaben und faselte ständig irgendetwas von Hitze. Es war heiß, ja. Die Beschaffenheit des Weges teilweise extrem. Auf der Distanz mit den Höhenmetern wieder einmal schwer zu fassen. Aber dass mich der Kaffee in diesem Moment anlächelte, das war wahr!

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Aber nicht nur das Kaffeekochen beherrschen die Italiener meisterlich. Ganz gewöhnliche Spaghetti mit Tomatensauce sind eben dann nicht ganz gewöhnlich, sondern super lecker! Der Hunger, ein gewaltiges Gewitter und der Charme jenes Lokals in Domegge di Cadore und schon saß ich mit ein paar netten Italienern beisammen. Die Wirtin erkannte in mir sofort einen ausgehungerten Radfahrer und so durfte ich eine doppelte Portion hervorragender Nudeln genießen. Obwohl es so gemütlich und warm war wollte ich weiter. Hinein fahren in die kühle, regnerische Nacht und den hohen Bergen zu. Ich träumte davon den Sonnenaufgang auf dem höchsten Punkt der Strecke zu erleben.

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Davon trennten mich aber noch viele Kilometer, Höhenmeter, zu durchquerende Flüsse, extrem steile Forstwege in einsamen Wäldern, viel Regen, Begegnungen mit mächtigen Hirschen, Müdigkeit, Kälte, Sekundenschlaf aber immer mit der Freude des Radfahrens im Herzen.

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Um drei Uhr morgens in Cortina D’Ampezzo war nicht nur der Fotoapparat ein wenig müde. Ich frühstückte frierend aber voller Vorfreude auf den bevorstehenden Anstieg. Ich wollte aber gleich weiter, der Sonnenaufgang auf dem höchsten Punkt der Strecke wartet nicht auf mich.

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Es wurde viel gefahren und ein wenig geschoben. Mein Rad und ich. Mitten in den Dolomiten. Ach, wie wunderbar. Und wirklich. Kurz bevor ich ganz oben war ging die Sonne auf. Und ein paar Freudentränen liefen meine Wangen hinunter. Das Titelbild hält diesen magischen Moment fest.

Auf 2416 Metern über dem Meer. Vom Meer kommend. Berg-Pornorama rundherum. Da darf man ruhig ein wenig gerührt sein. Momente später den Lenker fest im Griff ging es beschwingt bergab.

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Unfassbar schön die Landschaft. Noch immer. Schon wieder. Die Schluchten und Stauseen, Berge und Täler, all das ließ mich meine Müdigkeit und die Anstrengung vergessen und motivierte unglaublich. Zwischen dem Ziel und mir lag bald nur noch ein letzter mächtiger Anstieg auf den Monte Grappa. 1500 Höhenmeter steil bergauf. Unendlich viele Kehren im unteren Teil.

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Steilstes Gelände oben. Dort erwartete mich ein monumentales von den Faschisten errichtetes Denkmal für die gefallenen Soldaten des ersten Weltkrieges. Wo ich mit dem Rad fuhr starben vor Jahren zehntausende Menschen.

50 Kilometer und eine brutale Abfahrt und dann sollte ich im Ziel sein. Noch bei Tageslicht wollte ich dieses erreichen. Es war wieder so richtig heiß. Ich fühlte mich aber fit und war super motiviert. Die letzten Kilometer zogen sich ein wenig, aber der Gedanke an Bier und Dusche gaben den Beinen noch einmal gute Kraft.

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Noch vor Einbruch der Dunkelheit rollte ich nach 45 Stunden und 21 Minuten in San Martino di Lupari ein. Überglücklich. Gemeinsam mit einem Italiener und einem Deutschen saß ich noch lange bei Pizza und kühlem Isotonischem beisammen. Zu erzählen hatten wir uns genug. 

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Dankbar blicke ich auf dieses Abenteuer zurück. Hoffe zugleich auf viele weitere. Kann es eigentlich schon gar nicht mehr erwarten wieder auf eines meiner Räder zu steigen und das Leben zu spüren. In Zukunft mit großer Sicherheit auch wieder offroad.

2 Gedanken zu “Venetotrail

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